Das Wittnauer Fasnachtsfeuer

 

Diesem wichtigen Wittnauer Thema wurde Ende 2018 eine Sondernummer der Dorfchronik «Adlerauge» gewidmet. 

Zu beziehen ist das interessante Heft bei Monika Müller-Böller, Schulstrasse 8, 5064 Wittnau oder im Landgasthof «Krone».

 

>>> Fotos vom Wittnauer Fasnachtsfeuer

 

 

Alte Originaltexte, die sich mit dem Wittnauer Fasnachtsfeuer befassen, wurden 2018 im Aargauer Staatsarchiv in Aarau entdeckt. Ernst Ludwig Rochholz (1809 - 1892), ein aus Ansbach (Bayern) stammender Deutschlehrer der Kantonsschule Aarau, war ein leidenschaftlicher Volkskundler und Sagensammler. Von ihm stammen zwei Aufsätze über das Wittnauer Fasnachtsfeuer, die er wohl um das Jahr 1863 schrieb.

 

Der erste Text berichtet vom Einsammeln des Brennmaterials und den dabei verwendeten Bettel-Versen, vom Ablauf des Feuerbrauchs, von Fasnachtshexen aus Stroh. Traditionelles Essen wird erwähnt und auch die Rivalitäten zwischen Unteren und Oberen.

StAAG, NL.A–0136.05.VI.12_Rochholz
StAAG, NL.A–0136.05.VI.12_Rochholz

NL.A–0136 / 0005; VI; 12; Blatt 18 ]

Fasnachtfeuer im Frickthal

 

Im oberen Frickthal sammelt sich die Knaben-

schaft eines Dorfes (hier gilt uns Wittnau)

am drittletzten Sonntage vor der Alten Fas-

nacht am Ende des nachmittägigen Gottes-

dienstes. Sie gehen von einem Hause zum

andern und erbitten sich Holzbündel, 

Bohnenstrohwellen und abgetragene 

Kleidungsstücke, das eine für s Fasnacht-

feuer, das Andere um die zu verbren-

nende Fasnachtspuppe damit aufzuputzen. 

Ihr Reim Bittspruch lautet:

 

Stengelwelle

Strubohnenwelle, 

En alten Hut,

s’ isch alles gut. –

 

Gänd nur öppis

zum Fasnachtsfü’r:

ne Welle Strau,

zue nere   en  alti Frau

en alte   Huet ,  Wullehuet

s’ isch alles guet !

 

Einer der Knaben führt dabei ein genaues 

Verzeichniß u. notiert sich alle diejenigen, die 

 nichts   noch keine Beisteuer gegeben haben, um 

bei diesen an den folgenden Tagen   ihre   die Bitte 

zu wiederholen. Wer nun allzu geizig ist

u. die Jungen aufs nächste Jahr vertröstet,

dem wir das Verlangte durch List abgenommen. 

Während sich die Einen noch mit dem Hausherrn

herum zanken, schleichen sich die Andern hinters 

Haus, erklettern die Holzlaube, werfen Reis-

wellen herunter  und   laufen mit dem Raub 

davon und verbergen ihn in  In   einer verlassenen Scheune oder

einem ungebrauchten Waschhause.

Die Knabenschaft des Dorfes theilt sich nun 

in zwei Parteien, in die jenseits oder 

diesseits des Baches Wohnenden, der ihren Ort

durchfließt, und jede verheimlicht  es   der

Andern aufs Strengste den   Ort, wo sie 

Platz, wo sie ihre zusammen gebettelten

Reiswellen mittler Weilen aufbewahrt.

Indeßen rüstet eine jede recht viele Kien-

fackeln. Wer den Winter über in den 

Wald muß, gräbt Kien und legt sich die 

schönsten Stücke zu einer Fackel bei Seite. 

 

 

NL.A–0136 / 0005; VI; 12; Blatt 19 ]

Während der Fasnachts–Schulferien läuft

man trotz allen Schnees auch noch hinaus,

sucht an allen Tannen das Harz zusammen u.

übergießt damit die Fackeln; der Sohn eines 

Schusters steuert Pech, der eines Baumgarten-

besitzers Zweigharz dazu. Dann trägt jeder

seine zwei Stroh- oder Stengelwellen auf  einen getreidereichen Hügel oder zur

die Berghöhe hinauf, wo sie zu mehreren Haufen

aufgeschichtet werden, Butzen genannt. 

Die Butzen werden bewacht, die Gegenpartei 

würde sie sonst noch vor  Tag   Nacht anzünden 

und so das Spiel vereiteln.       Sobald 

die Betglocke erschallt, wird der jüngste Ehemann

des Dorfes unter Fackelbegleitung auf den 

Berg herauf abgeholt, um die Butzen

anzuzünden. Wenn jemals einer wäre,

der sich dessen weigern wollte, der würde 

sich alle Knaben zu erbitterten Feinden 

machen. An einem kleineren Feuer, an

welchem sich die jüngsten Büblein indeßen

gewärmt haben, steckt er die Fackel an,

schwenkt sie dreimal nach der Himmelsgegend 

und entzündet den Reisighaufen. 

 

                                                                                  [Randnotiz siehe unten!]

 

Schnell zündet nun auch jeder Knabe seine

eigne Fackel an u. stellt sich  damit   an den

ihm angewiesenen Ort, um hier bestimmte

vorher eingeübte Figuren damit aufzuführen,

namentlich Feuerkreuze u. Feuerschlangen. 

Dabei behält man aber immer das Feuer

der Gegenpartei wohl im Auge, das auf 

dem benachbarten Berge brennt u. jauchzt

laut auf, wenn  ihr   dort drüben der Wind Flamme und

Rauch zu Boden drückt u. ihr Feuer damit

dem Dorf unsichtbar macht. Auch an Pistolen-

und Böllerschüssen fehlt es nicht, u. Jeder

trägt nach Kräften bei, die Gegenpartei durch 

Freigebigkeit  und   Erfindung u. Lärmen 

zu überbieten.     Sind die Feuer er-

loschen, so geht man heim und nimmt das 

Nachtessen ein, das man heute zurückstellen 

musste, um ja nicht zu spät am Platze zu 

sein; dies besteht heute in Brotschnitten

u. Fotzelschnitzen, beides in Butter u. Eier 

gebacken, oder in den Küchlein, denen die 

Hausfrau ihr Knie eindrücken muss und 

die man daher Kniebletze nennt. 

 

[Randnotiz auf Blatt 19:] 

 

                Die Mädchen haben sich indeß mit ihren gesammelten Stengel-

                 u. Strohwellen in ein Gebüsch zurück gezogen,

                 flechten Hand und Fuß an ihre Garben, setzen ihr 

                 einen Kranz von Waldkräutern aufs Haupt u.

                 bringen so die Fasnachtshexe zu Stande, die

                 Knaben hauen eine der ästigsten Buchen oder Tannen 

                 hart am Stamm ab, stutzen sie und behängen

                 sämmtliche Aststümpfe bis zur Spitze mit Stroh-

                 zöpfen, oben drauf kommt die Hexe,

                 und wird auf dem benachbarten Hügel auf-

                 gepflanzt, wo möglich auf einem recht getreide-

                 reichen.

 

 

NL.A–0136 / 0005; VI; 12; Blatt 20: ]

Die nächsten vierzehn Tage dauert der Wett-

streit zwischen beiden Parteien noch lebhaft 

fort. Wo ein Knabe die   seine Dorfscheidung 

überschreitet, wir er von einem der Gegen-

partei angehalten und mit der Frage geplagt, 

welches von beiden Fasnachtfeuern das schönere 

gewesen sei. Besteht er auf der Schönheit 

des seinigen, so wird er geschneeballt, geprügelt

in eine Scheune gesperrt, in einen Stall 

geworfen und darinnen scharf bewacht. 

Aber zum Widerruf läßt er sich trotz aller

Mißhandlung doch nur selten bewegen. 

Dadurch fühlt sich dann seine Knabenpartei 

äußerst beleidigt, sie fällt am nächsten 

Sonntag vereint den Gegnern in den 

Dorftheil ein u. liefert ihr einen heftigen 

Kampf. Mit den nächsten Wochen erst 

kühlen sich die Gemüther wieder ab.

 

Der zweite Text von E. L. Rochholz beschreibt die Örtlichkeiten, die Flammenzeichen

und er berichtet vom "Flohfeuer", einem kleinen Nebenfeuer bei der Martinskapelle. 

StAAG, NL.A–0136.05.VI.12_Rochholz; Blatt 26
StAAG, NL.A–0136.05.VI.12_Rochholz; Blatt 26

 

NL.A–0136.05.VI.12, Blatt 26 ]

Wittnau

 

Im frickthaler Dorfe Wittnau zündet das 

Oberdorf das Fasnachtfeuer auf der Höhe

der Schifflände an, wo es bei hellem Wetter

über die ganze Landschaft und

selbst bis in den Schwarzwald hinüber

leuchtet; das Unterdorf that dasselbe am

Homberg u. zwar auf dem Schloßplatze,

wo einst das Schloß der Grafen des Frick-

gaues stand, seit fünfzig Jahren aber

dient dazu der Kallofen, der südliche Abhang 

des Homberges mit zwei terassen- 

förmigen Vorsprüngen. Hier errichtet

man zwei große Holzpyramiden, die

Butzer geheißen (Fasnachtsbutze) die derjenige 

aus der Knabenschaft anzuzünden hat, 

welcher zuletzt geheiratet hat.

 

Während gegen Abend die Gemeinde in der Kirche 

versammelt ist u. den Rosen Kranz betet, wird 

von der Dorfknabenschaft an einer Stelle, die 

man im Ort nicht sehen soll, ein erstes Feuer

angezündet, an dem man die Fackeln ansteckt.

 

Sobald denn die Glocke zum englischen Gruß läutet, 

beten die Fackelträger mit ein ander ein Ave. 

Es fühlt sich dabei ein Jeder von heiligem 

Schauer durchrieselt, als ob dies nun ein Schritt

von höchster Bedeutung wäre, so versichern jetzt 

schon bejahrte Männer aus ihrer eigenen 

Jugenderinnerung. Sobald der letzte Glockenton

verhallt ist, bilden die Oberdörfer auf der 

Schifflände droben aus ihren Fackeln ein Kreuz 

von beträchtlicher Größe; ob ihnen auf dem 

Berggipfel schickt indeß der Butzer seine

Flammensäulen gen Himmel. Die Unterdörfer 

entwickeln ihre Fackelreihe am Rande der 

untern Terraße, entzünden hier zwei Butzer 

und stecken zwischen ihnen am Abhang ihr 

Fackelkreuz auf. In der Rieslete, einer 

Wildniß, die auf dem gleichen Abhange ober-

halb der beiden Butzer liegt, entsteht dann im 

gleichen Augenblicke ein neues Feuerzeichen, 

das den Namen Jesu darstellt, nemlich 

ein in einander geschlungenes   NS ,  HS   [1]

das herzförmig von Flammen umzogen ist. 

Diese Zuthat ist neu, beweist aber, daß der Brauch

 

NL.A–0136.05.VI.12, Blatt 26, Rückseite: ]

wenigstens hier Orts so bald noch nicht in Abgang 

kommen werde. Drohen die Fackeln abzulöschen, 

so gilt es dem wilden Dornicht und dem dürren Ried-

grase des Berges, es wird rasch mit 

dem Gertel abgehauen und vergrößert neuer

Dings die lichten Flammen.  Unten bei der Martins-

kapelle haben gleichzeitig die Büblein sammt allen

Schul Mädchen ebenfalls ihr besonderes Feuer, 

 

es trägt den verächtlichen Namen Flohfeuer,  das oft 

zählt aber oft mehr Fackeln  zählt , als eins von den beiden 

andern; die Liebe der Eltern zu ihren Kleinsten 

bringt es dahin, daß sich hier gewöhnlich der 

Männerchor aufstellt u. mitten ins unbotmäßige 

Gelärme der Kinderwelt mit   einem Liede 

Uhlands [2]  „Das ist der Tag des Herrn“  einfällt. 

So   klingt   hilft nun das Lied unsers jüngst verstorbenen 

Naturaldichters eine altersgraue Heidensitte 

schmücken.

 

 

[1]    Gemeint ist wohl das Christus-Symbol IHS, die ersten drei Buchstaben

        des griechischen Jesus-Namens ΙΗΣΟΥΣ .

 

[2]    Ludwig Uhland, deutscher Dichter, Jurist und Politiker (1787 – Nov. 1862). 

        Die Melodie des Liedes stammt von Felix Mendelssohn.


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